Risiken im italienischen Bankensystem und die Weisheit der Märkte

Risiken im italienischen Bankensystem und die Weisheit der Märkte

Liebe Leser, liebe Unterstützer von stoppt-edis.de,

als am 28.01.1986 das Space Shuttle Challenger explodierte, stürzten die Börsenkurse der beteiligten Zulieferer augenblicklich um zwei bis drei Prozent ab. Der Börsenkurs eines einzelnen Zulieferers, Morton Thikol, stürzte innerhalb weniger Stunden aber um über elf Prozent ab. Monate später kam der offizielle Untersuchungsbericht zu dem Ergebnis, dass ein defekter O-Ring für die Explosion verantwortlich war. Der Hersteller: Morton Thiokol. Obwohl die Märkte unmittelbar nach der Explosion unmöglich wissen konnten, was die Explosion verursacht hatte, hatten sie binnen kürzester Zeit korrekt antizipiert, dass die wahrscheinlichste Ursache für die Explosion bei Morton Thiokol zu finden sein musste (hier ein Video zu diesem Thema).

Warum erzähle ich das? Obwohl gerade Finanzmärkte häufig für scheinbar irrationales Verhalten kritisiert werden, zeigt dieses Beispiel, wie effizient sie arbeiten (können). Diese Erkenntnis ist auch für die Analyse von Problemen in Bankensystemen hilfreich.

Gerade das italienische Bankensystem wird von uns regelmäßig angeführt, wenn es darum geht, vor den Gefahren von EDIS zu warnen. Es ist stark angeschlagen und würde EDIS unter diesen Umständen eingeführt, kämen Bankkunden und Steuerzahler in anderen Mitgliedsstaaten schnell in die Mithaftung für dortige Bankenpleiten. Dabei kann es aber gut sein, dass die offiziellen Statistiken das ganze Ausmaß der Gefahr nicht korrekt wiederspiegeln. Deshalb sollte man in diesem Zusammenhang möglicherweise einen Blick auf das Urteil der Finanzmärkte werfen.

Dabei fällt zunächst einmal auf, dass die Aktienkurse etwa der drei größten italienischen Banken, der Intesa Sanpaolo (ISP), Unicredit und der Monte dei Paschi di Siena (MPS), in den vergangenen Jahren extrem gelitten haben. Seit 2007 hat die ISP 64,5% ihres Börsenwerts verloren, die Unicredit 93,6% und die MPS sogar 100%. Bei Letzterer hat sich der Aktienkurs von über 8300€ auf etwas über 1,40 geradezu in Luft aufgelöst.

Legt man das sogenannte Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) zugrunde, wird deutlich, dass die Märkte nach wie vor gewaltige Risiken bei diesen Instituten sehen. Das KBV misst das Verhältnis zwischen Aktienkurs und dem Wert des Eigenkapitals je Aktie. Bei allen drei Banken liegt das KBV bei weit unter eins: Bei der ISP bei 0,89, bei Unicredit bei 0,62 und bei der MPS sogar nur bei 0,43. Würden die Vermögenswerte der Banken heute liquidiert und die Unternehmen aufgelöst, bekämen die Aktieninhaber als Eigentümer der Banken folglich mehr durch den Verkauf der Vermögenswerte der Banken als durch den Verkauf der Aktien. Wie kann solch ein Widerspruch zustandekommen?

Ganz einfach: Kurs-Buchwert-Verhältnisse unter eins gibt es auch bei deutschen Unternehmen z. B. bei Volkswagen (0,80) oder der Deutschen Bank (0,53). Bei Volkswagen fürchten die Aktionäre, dass wegen des Diesel-Skandals noch hohe Strafzahlungen auf das Unternehmen zukommen könnten. Auf die Deutsche Bank könnten in den USA Milliardenstrafzahlungen wegen Verstrickungen in der Finanzkrise zukommen. Die Finanzmärkte antizipieren diese möglichen Strafzahlungen und preisen sie in den Kursen der Institute ein.

Bei den drei italienischen Banken sehen die Aktionäre offensichtlich ebenfalls entsprechende Risiken auf die Institute und deren Eigentümer zukommen. Möglicherweise weil sie die Risiken in ihren Bilanzen nicht angemessen ausgewiesen haben? Gesund sind sie jedenfalls nicht. Für eben diese Risiken würden Bankkunden und Steuerzahler über EDIS aber in Mithaftung genommen. Wer für eine gemeinsame Einlagensicherung argumentiert und behauptet, diese würde nicht zu Transfers führen, sollte jedenfalls unbedingt einen Blick auf die Aktienkurse italienischer Banken werfen.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Nicolas Afflatet

About The Author

Dr. Nicolas Afflatet arbeitet als volkswirtschaftlicher Assistent im Europäischen Parlament in Brüssel. Von 2004 bis 2016 diente er als Offizier in der Luftwaffe. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg und an der Université de Bretagne-Sud in Vannes, Frankreich. An der Helmut-Schmidt-Universität promovierte er auch mit einer Arbeit über die deutsche Schuldenbremse. Ein Forschungsaufenthalt führte ihn außerdem an die University of Strathclyde in Glasgow, Schottland.